Aus der Sprechstunde

Titelbild: iStock / Sorbetto

Dr. med. Lukas Villiger beantwortet die wichtigsten Fragen rund um Diabetes und Abnehmen. Er erklärt, was hinter Ursachen, Behandlung und Prävention steckt.

Wieso gibt es in der Schweiz immer mehr zuckerkranke Menschen?

Diabetes ist eine Zivilisationskrankheit. Sie bricht oft aus, weil wir mehr Kalorien essen, als wir verbrauchen. Zudem bewegen wir uns viel zu wenig. Neben diesem Bewegungsmangel sowie zucker- und fettreicher Fehlernährung spielen genetische Faktoren und die gesteigerte Lebenserwartung eine Rolle. Früher trat die Zuckerkrankheit vor allem bei Menschen über 40 Jahren auf. Heute findet man Diabetes manchmal bereits bei übergewichtigen Kindern, die ihre Freizeit am Handy und vor dem TV-Gerät mit Junkfood verbringen. Hier können wir mit der Prävention ansetzen. Entscheidend ist es, dass den Eltern klar wird, dass sie ihren Kindern schon im Kleinkindesalter ein gutes Vorbild sein sollten – betreffend Bewegung und gesunder Ernährung. Lehrpersonen sowie Ausbildnerinnen und Ausbildner müssen Jugendliche darauf sensibilisieren, auf eine ausgewogene Ernährung zu achten und ihr Körpergefühl durch viel Bewegung und Sport zu steigern.

Senden Sie uns Ihre Fragen
Mailen Sie uns Ihre Fragen bitte an redaktion@gesundheit-sprechstunde.ch. Einige davon werden in der nächsten «Gesundheit Sprechstunde» beantwortet.

Wie beeinflussen künstlich gesüsste Getränke und Lebensmittel den Blutzuckerspiegel?

«Light» bedeutet leider nicht immer, dass in einem Getränk kein Zucker drin ist. Beispielsweise enthält ein Eistee light viele Kohlenhydrate. Diese müssen die Diabetiker miteinberechnen. Wenn ein Getränk nur mit künstlichen Stoffen gesüsst ist, hat das praktisch keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. Künstlich gesüsste Kekse oder Diabetiker-Schokolade enthalten praktisch gleich viele Kohlenhydrate wie normal gesüsste Produkte. Deshalb erhöhen sie den Blutzuckerspiegel in ähnlicher Weise. Zudem enthalten sie oft mehr Fett. Das ist vor allem beim Diabetes mellitus Typ 2 nicht ideal. Übermässiger Konsum von künstlichen Süssstoffen kann zu Blähungen oder Durchfall führen und den Blutzucker erhöhen. Grund: wahrscheinlich über komplexe Mechanismen via Darmflora-Veränderungen. Künstlich gesüsste Getränke oder Nahrungsprodukte empfehlen wir deshalb nicht.

Ich bin 65-jährig, leide an Diabetes Typ 2 und muss Insulin spritzen. Wie kann ich mehr Sport treiben?

Bevor Sie intensiver Sport treiben, brauchen Sie eine Herz-Abklärung. Bei normalen Befunden können Sie mit Freude und ohne Angst alle Sportarten betreiben. So wird es Ihnen gelingen, Ihr Gewicht leichter zu kontrollieren. Sie müssen aber beachten, dass die Bewegung den Insulin-Bedarf während und nach dem Sport verringert. Deshalb sollten Sie sich von einem Diabetes-Spezialisten ein flexibles Insulin-Schema zusammenstellen lassen. Mit der Blutzucker-Selbstkontrolle finden Sie heraus, wie viel Gramm Kohlenhydrate pro Stunde Sporttreiben Sie benötigen. Um eine Unterzuckerung zu vermeiden, sollten Sie immer eine Kohlenhydrat-Reserve dabeihaben. Nach dem Sport ist es vor dem Schlafengehen ratsam, die Insulin-Dosis zu reduzieren. Damit beugen Sie einer gefährlichen Unterzuckerung vor.

Aus Zeitgründen schaffe ich es nicht, mich tagsüber richtig zu bewegen. Was könnte ich abends unternehmen?

Sport am Tag ist möglich! Ich rate Ihnen, körperliche Betätigung fix in Ihren Terminkalender einzuplanen, wie wenn es eine geschäftliche Sitzung wäre. Damit kommt Bewegung in Ihren Wochenplan. Wählen Sie etwas, das Ihnen Spass macht: leichtes Ausdauertraining mit Jogging, Fahrrad-Ergometer oder Cross-Trainer, Besuch eines Fitnesscenters, Qigong, Walking, Pilates, Yoga etc. Danach eignen sich Stretching, Saunagänge, warme Bäder oder autogenes Training zur Entspannung. Natürlich geht auch ein längerer Spaziergang. Sie «lüften» den Kopf, geniessen die frische Luft und erholen sich.

Eine Kollegin hat mir empfohlen, Soja-Produkte in meinen Ernährungsplan aufzunehmen, genauer gesagt Natto. Was wissen Sie darüber?

Seit über 2000 Jahren ist Natto als wertvolles Lebensmittel bekannt. Die fermentierten Sojabohnen werden traditionell mit Bacillus subtilis natto hergestellt, daher der Name Natto. Dieses Lebensmittelprodukt enthält viele bioaktive Substanzen, z. B. hochwertige Proteine, Enzyme, Präbiotika und Probiotika sowie Vitamin K2-7. Das ist ein spezielles Vitamin, das den Kalziumstoffwechsel reguliert. Die Natto-Inhaltsstoffe sollen positiv auf Knochen und Zähne, Herz sowie Stoffwechsel und Immunsystem wirken.

Seit mehr als einem Monat trainiere ich dreimal pro Woche und halte einen professionellen Ernährungsplan ein. Warum nehme ich trotzdem nicht ab?

Sie machen nichts falsch und brauchen nur etwas Geduld! Häufig führen die richtigen Massnahmen nicht nach kurzer Zeit zu einem tieferen Gewicht. Es passieren aber wichtige Prozesse im Körper: Die Muskelmasse nimmt zu, dadurch verbessert sich der Energiestoffwechsel und die Fettmasse nimmt ab. Leider senkt diese Umverteilung das Gewicht zu Beginn praktisch nicht. Sie werden aber bald mehr Wohlbefinden und eine körperliche Veränderung spüren, die mit Körperanalyse-Geräten messbar ist. Solche Analysen bieten gute Fitnesscenter an. Ich bin sicher, dass Ihr Gewicht bald langfristig sinken wird, wenn Sie sich weiterhin so gut an Ihren Ernährungs- und Trainingsplan halten.

Was kann passieren, wenn ich nur noch Eiweisse und keine Fette sowie Kohlenhydrate zu mir nehme?

Diese drei Grundnährstoffe sollten wir in einem ausgewogenen Verhältnis essen, damit unser Körper optimal funktioniert. Falls man wenig Kohlenhydrate und Fette zu sich nimmt, muss der Körper die benötigte Energie vor allem aus Eiweissen herstellen. Stehen nur Eiweisse zur Verfügung, entstehen Abfallprodukte, die sogenannten Ketonkörper. Sie übersäuern mit der Zeit den Körper. Das Endprodukt Harnstoff belastet zudem die Nieren. Es können auch Mangelzustände bei den Vitaminen und Mineralstoffen auftreten. Mögliche Folgen sind Wadenkrämpfe, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch die Stimmungslage kann sich verschlechtern, wenn im Gehirn der Botenstoff Serotonin abnimmt. Lust auf Süsses kann folgen. Eine Eiweiss-Diät wie die Atkins- oder Ketose-Diät mit fast keinen Kohlenhydraten oder Fetten ist deshalb längerfristig nicht empfehlenswert.

Über den Experten

Dr. med. Lukas Villiger

Dr. med. Lukas Villiger

FachFacharzt FMH Allgemeine Innere Medizin / Endokrinologie & Diabetologie, Exec MBA HSG,

Allgemein-Internist, Diabetologe, Endokrinologe, Ärztezentrum Täfernhof Baden-Dättwil AG
Weitere Informationen: Praxis Dr. Villiger