«99,9 Prozent aller Hauttumore sind erkennbar»
Rund 3500 Menschen erkranken in der Schweiz jedes Jahr an einem malignen Melanom, also an schwarzem Hautkrebs.
Beim weissen Hautkrebs sind es sogar über 25 000 neue Fälle. Hautkrebs bleibt damit eine der häufigsten Krebserkrankungen überhaupt. Warum wird er noch immer so oft zu spät entdeckt?
Prof. Ralph Braun kennt die Antwort: «Weil er nicht immer so aussieht, wie man ihn sich vorstellt», sagt der Experte für klinische Hautkrebsmedizin in der Zürcher Praxis «Derma Utoquai». Viele Menschen achten vor allem auf grosse, unregelmässige oder dunkle Flecken. Doch entscheidend ist oft weniger die Farbe oder Grösse als die Veränderung über die Zeit. Zu den häufigsten Formen gehören das Basalzellkarzinom, das Plattenepithelkarzinom und das maligne Melanom. Die beiden Karzinome zählen zum weissen Hautkrebs und erscheinen oft eher hautfarben oder rötlich. Das dunklere Melanom gilt als besonders gefährlich, weil es früh Metastasen bilden kann. Für die Prognose ist entscheidend, wie früh ein Tumor erkannt wird. Problematisch ist, dass viele Veränderungen zunächst unscheinbar wirken. Auch neue Muttermale, Veränderungen sowie Juckreiz, Blutungen oder Krustenbildung sollten ernst genommen werden.
Foto: Mike NiederhauserSchwierige Stellen, spätes Hinschauen
Übersehen werden Hauttumoren besonders häufig an schwer einsehbaren Körperstellen wie Rücken, Kopfhaut, Ohren, Nacken, Fusssohlen, Zehenzwischenräume, Nägel sowie Gesäss- und Genitalbereich. Bei Männern ist das Risiko einer späten Entdeckung besonders hoch. «Melanome liegen bei ihnen häufig am Rücken», erklärt Braun. Ausserdem kontrollieren Männer ihre Haut seltener, bagatellisieren Veränderungen und suchen später ärztlichen Rat. Auch für Menschen mit vielen Muttermalen ist es schwierig, neue Läsionen oder Veränderungen zu bemerken. Bei älteren Menschen kommen oft Bewegungseinschränkung oder Sehprobleme hinzu.
Die ABCDE-Regel
A wie Asymmetrie: keine symmetrische Form
B wie Begrenzung: unregelmässige oder unscharfe Ränder
C wie Color: ungleichmässige Färbung
D wie Durchmesser: oft grösser als 6 mm
E wie Evolution: sich verändernde Form, plötzliches Jucken, Bluten oder Verkrusten
Die ABCDE-Regel reicht nicht
Als Orientierungshilfe gilt die ABCDE-Regel (siehe Box). «Viele Melanome erkennen wir heute allerdings, noch bevor die ABCDE-Kriterien vollständig ausgeprägt sind», sagt Braun. Besonders wichtig sei deshalb das E wie Evolution. Ebenso relevant: das Ugly-Duckling-Prinzip. Ein Fleck, der heraussticht, verdient Aufmerksamkeit.
Hochrisikoland Schweiz
Dass Hautkrebs hierzulande besonders häufig vorkommt, hat mehrere Gründe. Einerseits ist in höheren Lagen die UV-Strahlung intensiver, andererseits herrscht ein ausgeprägter Outdoor-Lebensstil vor. Dazu leben in der Schweiz viele hellhäutige Menschen. Auch die intermittierende Sonnenexposition birgt ein Risiko: Im Alltag verbringen viele Menschen nur wenig Zeit in der Sonne, setzen sich dann aber in den Ferien intensiver UV-Strahlung aus. «Diese kurzen, starken UV-Belastungen auf nicht adaptierter Haut sind problematisch», erklärt Braun.
Hautkrebs entsteht oft still
Während für das maligne Melanom vor allem starke, punktuelle Überbelastungen relevant sind, spielt beim weissen Hautkrebs die kumulative UV-Belastung eine zentrale Rolle – beim Spazieren, Velofahren oder in der Mittagspause. Heisst: Hautkrebs kann auch ohne Sonnenbrand entstehen. Viele Menschen wissen zwar, dass UV-Schutz wichtig ist, setzen ihn im Alltag aber nicht konsequent um. «Aus medizinischer Sicht sind Verhalten und physikalischer Schutz die wichtigste Grundlage: Kleidung, Hut, Sonnenbrille sowie das Meiden der Mittagssonne und der Verzicht auf Solarium reduzieren die UV-Exposition zuverlässig», so Braun.
UV-Strahlung ist der wichtigste, wenn auch nicht der einzige Risikofaktor. Familiäre Belastung, Zahl und Art der Muttermale, Immunsuppression oder bestimmte Medikamente können ebenfalls eine Rolle spielen. Für die Prävention bleibt indes vor allem eines zentral: UV-Belastung konsequent reduzieren und die Haut regelmässig checken. «99,9 Prozent aller Tumoren lassen sich von aussen erkennen», sagt Braun. Das klingt beruhigend, ist aber zugleich ein Auftrag: Viele relevante Hautveränderungen sind früh behandelbar, wenn man sie ernst nimmt.
