92 Augen sehen mehr als vier
Wer viele Muttermale hat oder ein erhöhtes Hautkrebsrisiko mitbringt, kennt die Unsicherheit: Ist dieser Fleck neu? Sah dieses Muttermal vor einem Jahr schon so aus? In der Zürcher Praxis «Derma Utoquai» kommt für genau solche Fragen ein 3D-Hautkrebsscanner zum Einsatz.
Foto: Mike NiederhauserInnerhalb weniger Sekunden erstellt das Gerät ein vollständiges 3D-Bild der Hautoberfläche. So entsteht eine digitale Landkarte der Haut, auf der sich Muttermale und andere Läsionen exakt lokalisieren und bei späteren Kontrollen vergleichen lassen. «Der grosse Vorteil ist, dass wir auf diese Weise nicht nur einzelne Muttermale beurteilen, sondern die gesamte Haut systematisch dokumentieren und überwachen», sagt Prof. Dr. med. Ralph Braun.
In der Dermatologie hat sich der Blick auf Pigmentmale in den vergangenen Jahren verändert. «Früher orientierte man sich stärker an der Momentaufnahme und am Erscheinungsbild. Heute wissen wir: Ein Befund, der sich über längere Zeit nicht verändert, ist in aller Regel gutartig», erklärt Braun. Umgekehrt gilt: Viele Melanome entstehen auf zuvor unauffälliger Haut und nicht aus einem schon lange bekannten Muttermal.
Genau hier setzt die digitale Verlaufskontrolle an. Der Scanner dokumentiert die gesamte Haut systematisch und macht Veränderungen über Monate oder Jahre objektiv vergleichbar. Das hilft, unnötige vorsorgliche Eingriffe zu vermeiden und zugleich auffällige Befunde früher zu erkennen.
Kein Selbstläufer
Foto: Mike NiederhauserSo beeindruckend die 92 Kameras auch sind: Der Scanner stellt keine Diagnose. «Diese Erwartungshaltung ist falsch: dass die Technik automatisch entscheidet. Das tut sie nicht», sagt Braun. Der Scanner liefert exzellente Bilder und präzise Daten, doch die medizinische Einordnung bleibt Aufgabe des Arztes. «A fool with a tool is still a fool.»
Der Scanner ersetzt weder die klinische Untersuchung noch die Dermatoskopie. Er ist kein Wundergerät, sondern ein zusätzliches Werkzeug, das bei diagnostisch anspruchsvollen Patientinnen und Patienten seinen Mehrwert zeigt; denn das System registriert jede Veränderung – allerdings auch harmlose: einen Pickel, einen Schatten, ein Haar. «Nicht alles, was sich verändert, ist bösartig, aber alles Bösartige verändert sich», resümiert Braun.
Der Arzt liefert den Kontext
Selbst die beste Bildtechnik kennt den Menschen hinter dem Befund nicht. Sie weiss nichts über familiäre Vorbelastung, Hauttyp, frühere Hautkrebserkrankungen, Beschwerden oder Unsicherheiten. «Die Technik liefert Daten, der Arzt liefert den Patientenkontext», fasst Braun zusammen.
Erst diese Kombination macht aus einem Bild eine medizinisch belastbare Entscheidung. Ein unauffälliger Fleck bei einer Hochrisikoperson ist oft anders zu bewerten als bei jemandem ohne familiäre Belastung. Genau deshalb bleibt die Erfahrung der Dermatologin oder des Dermatologen zentral.
Die Grenzen des Scanners
Der Scanner hat klare Grenzen. «Er bildet den behaarten Kopf, die Fusssohlen, die Finger- und Zehenzwischenräume, die Bereiche hinter und in den Ohren und den Genitalbereich nicht zuverlässig ab», erklärt Braun. In diesen Zonen bleibt die klassische klinische Untersuchung unverzichtbar.
Foto: Mike NiederhauserNicht allwissend
Auch Narben, Entzündungen oder Tätowierungen erschweren die Beurteilung. Dazu kommt, dass die Qualität der Aufnahmen von praktischen Faktoren wie Lichtverhältnissen, Körperhaltung und Bildschärfe sowie von den Trainingsdaten der Systeme abhängt. Der Scanner ist deshalb kein allwissendes Kontrollinstrument, sondern ein leistungsfähiges Hilfsmittel mit definiertem Einsatzbereich.
Ein Hautscan kostet 490 Franken – häufig zulasten des Patienten oder der Patientin. Einige Zusatzversicherungen übernehmen die Kosten inzwischen ganz oder teilweise. Braun sieht das Verfahren deshalb nicht als Ersatz für eine gute Basisversorgung, sondern als Ergänzung für Menschen mit vielen Muttermalen, erhöhtem Hautkrebsrisiko oder besonders komplexem Hautbild.
Noch wird der Scanner vor allem an grossen Universitätsspitälern eingesetzt. Die Praxis «Derma Utoquai» ist derzeit der einzige private Anbieter in der Schweiz. Für Menschen mit wenigen unauffälligen Muttermalen bleibt die klassische Hautkrebsvorsorge der Standard: die klinische Untersuchung, ergänzt durch die Dermatoskopie. Auch im Zeitalter hochauflösender Ganzkörperscanner gilt also: Die Technik kann viel, aber sie ersetzt den geschulten Blick nicht.
Weitere Informationen und Terminvereinbarung: dermautoquai.ch